„Eine gemeinsame Sprache sprechen“

Die Kognitions- und Neurowissenschaft, die im Mittelpunkt der neuen Max Planck School of Cognition steht, vereint unterschiedliche Disziplinen wie Psychologie, Physik, Computerwissenschaft, Philosophie, Biologie und Medizin. Umso wichtiger ist es, dass Doktorandinnen und Doktoranden einen Zugang zu innovativen Methoden finden und sich über die Fachgrenzen hinaus verstehen, meint Arno Villringer, der Sprecher der neuartigen, multidisziplinären Graduiertenschule. Ein Interview über das Curriculum, die Betreuung der Studierenden sowie spannende Forschungsprojekte.

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Arno Villringer, Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, ist Sprecher der neuen Max Planck School of Cognition.

Herr Villringer, wie viele Studierende können Sie in die Max Planck School of Cognition aufnehmen?

Etwa 20 bis 30 im Jahr. Für die vierjährige Ausbildung sind dies insgesamt 80 bis 120 Doktorandinnen und Doktoranden, also eine überschaubare Gruppe. Das Auswahlverfahren für die interdisziplinäre Ausbildung, die sich mit der internationalen Spitze messen lassen kann, wird deshalb sehr kompetitiv sein.

Das Programm startet 2019. Die ersten Studierenden können sich ab Herbst 2018 bewerben. Was können Sie bereits zum Curriculum sagen?

Das Programm, das Studierenden mit einem Bachelor (fast-track) oder Master offensteht, startet mit einer einjährigen Orientierungsphase. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Praktika von drei bis sechs Monaten. Sie finden an mindestens zwei Ausbildungsstätten statt.

Zu den Laborerfahrungen, die sich idealerweise ergänzen, kommen E-Learning und zweimal drei Schulungswochen hinzu. Ziel ist es, dass die Studierenden einen vielfältigen Einblick in ein Forschungsthema gewinnen, indem beispielsweise Psychologen in einem anatomischen Grundlagenlabor arbeiten oder junge Wissenschaftler mit einem Background in Computerwissenschaften ein neurowissenschaftliches Labor besuchen. Am Ende des Orientierungsjahres wird die Leistung der Studierenden evaluiert. Werden sie positiv beurteilt, können sie einen Betreuer an einer Forschungsgruppe wählen, an der sie ihre Doktorarbeit beginnen.

Die erste Hürde ist genommen …

Mit dem Beginn des zweiten Jahres legen die Studierenden einen detaillierten Plan für ein Forschungsprojekt vor, das sie dem thesis advisory committee präsentieren. Daraufhin beginnen sie mit ihrer Arbeit, die wiederum durch zwei zweiwöchige Präsenzakademien pro Jahr z.B. in Berlin, Leipzig oder Düsseldorf ergänzt werden. Sie stehen dabei immer im engen Kontakt mit anderen Studenten, ihren Betreuern und Fakultätsmitgliedern, mit denen sie ihre Ergebnisse diskutieren. Im vierten Jahr soll die Dissertation nach einer weiteren Akademie und Präsentation der Ergebnisse abgeschlossen werden.

Die Liste der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Studierenden betreuen werden, liest sich wie ein ‚Who is Who‘ der Kognitions- und Neurowissenschaften in Deutschland und Europa. Wie werden die Fellows zusammenarbeiten?

Die Fakultätsmitglieder der Max Planck School of Cognition stehen wie die Studierenden in regelmäßigem Austausch. Sie besprechen alle relevanten Fragen, die die Ausbildung betreffen. Motor für die Kooperation der Institutionen sind auch die Studierenden selbst: Wenn sie komplementäre Expertise in ihren Praktika an unterschiedlichen Einrichtungen gesammelt haben, rücken auch diese näher zusammen und profitieren voneinander, das haben Erfahrungen gezeigt.

Ich bin besonders froh, dass in unserer Schule führende Forscher aus verschiedensten Einrichtungen zusammenarbeiten werden: Neben der Max-Planck-Gesellschaft sind auch die Helmholtz-Gemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft sowie mehr als zehn deutsche Universitäten im Boot. Auch das holländische Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen beteiligt sich mit der dortigen Radboud University. Darüber hinaus konnten wir das University College London als internationale Partner-Universität in Großbritannien gewinnen.

Auch Philosophen und Juristen sind mit dabei.

Ich freue mich sehr darüber, dass Philosophen wie Michael Pauen von der Berlin School of Mind and Brain sowie Juristen wie Christoph Engel vom Max-Planck-Institut für Gemeinschaftsgüter, Bonn, ihre Expertise einbringen.

Worin besteht Ihre Aufgabe als Sprecher der Max Planck School?

Ich habe viel Erfahrung in der Organisation von Graduiertenschulen. In Leipzig bin ich Sprecher der International Max Planck School on Neuroscience and Communication und darüber hinaus an der Berlin School of Mind and Brain. Ich liebe es, Netzwerke zu knüpfen, Menschen zu begeistern und im Team Neues voranzutreiben.

Was reizt Sie daran?

Die Arbeit mit jungen Studierenden bringt auch meine Forschung weiter. Meine Arbeit als Neurologe profitiert wesentlich von der Neugierde junger Menschen, die immer wieder nachfragen und nachhaken.

Was ist das Herzstück der Max Planck School of Cognition?

Die Kognitionsforschung steht im Mittelpunkt unserer neuen Graduiertenschule. Sie behandelt Themen aus unterschiedlichen Disziplinen wie Psychologie, Physik, Computerwissenschaft, Philosophie, Biologie und Medizin. Das Forschungsfeld entwickelt sich derzeit rasant. Deshalb herrscht ein großer Bedarf an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die einen Zugang zu den innovativen Methoden und Ansätzen der verschiedenen Fachrichtungen haben und eine gemeinsame Sprache sprechen.

Was sind spannende Projekte?

Im Fokus der Forschung stehen Fragen wie: Welche Erkenntnisprozesse sind an Sprache gebunden und welche erlauben ein besseres Verstehen von anderen Menschen? Welches sind die genetischen Mechanismen, die zu individuellen Unterschieden im Erkennen beitragen? Wie sind bei Lebewesen unterschiedliche Formen von Lernen und Entscheiden organisiert und wie können sie in künstlichen intelligenten Systemen verwirklicht werden?

Um darauf Antworten zu finden, stehen den Studierenden modernste Ausstattung zur Verfügung, die weltweit führend ist. Eine der wichtigsten Methoden in Leipzig ist beispielsweise die Magnetresonanztomografie (MRT), die ohne Strahlenbelastung und ohne jeglichen Eingriff Bilder aus dem Gehirn liefert. An unserem Institut stehen den jungen Forschern ein 7-Tesla-Scanner zur Verfügung, der eine besonders hohe Bildauflösung erreicht. Unser Connectom-Scanner ist eines von nur drei Geräten dieser Art weltweit. Dank seiner einzigartigen Gradientenstärke wird er in Zukunft noch genauere Informationen über die Vernetzung des Gehirns liefern.

Wie wollen Sie das Gemeinschaftsgefühl der Doktorandinnen und Doktoranden an den verschiedenen Standorten gewährleisten?

Junge Menschen kommunizieren heute selbstverständlich über digitale Plattformen und soziale Netzwerke. E-Learning ist fester Bestandteil jeder universitären Ausbildung. Dennoch wird die Max Planck School of Cognition kein virtuelles Netzwerk sein – diesen Begriff mag ich gar nicht – sondern auf regelmäßigen Treffen und Austausch basieren. Dies schließt natürlich die Bereitschaft zu regelmäßigen Reisen ein. Wir werden gemeinsam nachdenken, diskutieren, voneinander lernen und Zeit außerhalb der Labore verbringen.

Vielen Dank für das freundliche Gespräch!

Das Interview führte Barbara Abrell

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